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Goethe aus näherm persönlichen Umgange dargestellt

by Johann Daniel Falk

Excerpt:

Echon ofter ist die Bemerkung gemacht worden, die sich vielleicht im Nachfolgenden nicht unangenehm wiederholen wird, daß große und ausgezeichnete Männer, was sowol Charakter als Anlagen des Geistes und andere Eigenthümlichkeiten betrifft, immer zur Hälfte in ihren Müttern vorgebildet sind.

So stellt sich in Goethe's Charakter eine sehr zarte Scheu vor allen heftigen, gewaltsamen Eindrücken dar, die er auf alle Weise und in allen Lagen seines Lebens möglichst von sich zu entfernen suchte. Ähnliches finden wir schon bei der Mutter, wie mir denn eine Freundin, die, als sie noch in Frankfurt lebte, ihr sehr nahe stand, folgende Charakterzüge erzählte, die für das hier eben Gesagte zum vollkommensten Belege dienen.

Goethe's Mutter hatte die Gewohnheit, sobald sie eine Magd oder einen Bedienten miethete, unter Anderm folgende Bedingungen zu stellen: „Ihr sollt mir nichts wiedererzählen, was irgend Schreckhaftes, Verdrießliches oder Beunruhigendes, sei es nun in meinem Hause, oder in der Stadt, oder in der Nachbarschaft vorfällt. Ich mag ein für alle Mal nichts davon wissen. Geht's mich nah an, so erfahre ich's noch immer zeitig genug. Geht's mich gar nicht an, bekümmert's mich überhaupt nicht! Sogar wenn es in der Straße brennte, wo ich wohne, so will ich's auch da nicht früher wissen, als ich's eben wissen muß." So geschah es denn auch, daß, als Goethe im Winter 1805 zu Weimar lebensgefährlich krank war. Niemand in Frankfurt von allen Denen, die bei der Mutter aus- und eingingen, davon zu sprechen wagte. Erst lange nachher, und als es sich mit ihm völlig zur Besserung anließ, kam sie selbst im GespM darauf und sagte zu ihren Freundinnen: „Ich hab' halt Alles wohl gewußt, habt ihr gleich nichts davon gesagt und sagen wollen, wie es mit dem Wolfgang so schlecht gestanden hat. Ietzt aber mögt ihr sprechen; jetzt geht es besser. Gott und seine gute Natur haben ihm geholfen. Ietzt kann wieder von dem Wolfgang die Rede seyn, ohne daß es mir, wenn sein Name genennt wird, einen Stich ins Herz gibt." Wäre Goethe, setzte dieselbe Freundin, die mir dieses erzählte, hinzu, damals gestorben, auch alsdann würde dieses Todesfalles im Hause seiner Mutter schwerlich von uns Erwähnung geschehen seyn; wenigstens nur mit sehr großer Vorsicht, oder von ihr selbst dazu aufgefodert, würden wir dies gewagt haben, weil, wie ich schon bemerkt, es durchaus eine Eigenthümlichkcit ihrer Natur, oder Grundsatz, wo nicht beides war, allen heftigen Eindrücken und Erschütterungen ihres Gemüthes, wo sie nur immer konnte, auszuweichen.

Unter einen Brief, den Goethe von seiner Mutter erhielt, da sie bereits zweiundsiebzlg Iahr alt war, schrieb Iemand: So hätte Gott alle Menschen erschassen sollen.

Eine zweite Anlage Goethe's, worauf alle seine übrigen Anlagen gleichsam als Fundament ruhten und sich einer reichen Entwicklung erfreuten,, ist eine ergiebige Ader von fröhlich strömendem Mutterwitze, sonst auch Naivetat und Humor genannt, die ebenfalls in einem sehr hohen, ja oft drolligen Grade seiner Mutter eigenthümlich waren. Der Vater war älter und in sich gekehrter, oder, wie sich der Maler Krause, sein Landsmann von Frankfurt her, über ihn ausdrückte, ein geradliniger frankfurter Reichsbürger, der mit abgemessenen Schritten seinen Gang und sein Leben zu ordnen gewohnt war. Von seiner Förmlichkeit hat Goethe vielleicht etwas in sich herübergenommen. Manche, die den Vater genau und persönlich gekannt haben, versichern, Gang und Haltung der Hände habe der Sohn völlig vom Vater beibehalten. Die Mutter aber besaß ein munteres, sinnlich fröhliches Wesen, wie es am Rhein zwischen Weinbergen und sonnigen Hügeln hausig vorkommt, und da sie weniger in Iahren vorgerückt als der Vater war, so nahm sie auch schon deshalb Alles leichter und anmuthiger als dieser. So sagte sie zuweilen in scherzhafter Laune, weil sie sehr früh geheirathet und kaum sechzehn oder siebzehn Iahre alt Mutter geworden war: „Ich und mein Wolfgang haben uns halt immer vertraglich zusammengehalten; das macht, weil wir beide jung und nit so gar weit als der Wolfgang und sein Vater auseinander gewesen sind!" — So bezeigte sie bei manchen freier n Scherzen des Sohnes, die der streng rügende Vater schwerlich übersehen konnte, eine echt mütterliche liebende Nachsicht, oder ging vielmehr ganz in dieselben ein.

Einst beim Schlittschuhlaufen z. B. wo sie im Schlitten neben einer Freundin saß und diesen muntern Spielen der Iugend zusah, nahm ihr Wolfgang die Kontusche ab, hängte sie sich um und scherzte lange auf dem Eise hin und her, ehe er sie der Mutter wiederbrachte, die ihm lächelnd versicherte, daß die Kontusche recht wohl zu seinem Gesichte gestanden hätte.

Späterhin noch, als Goethe sein bürgerliches Leben nach dem Rathe seines Vaters in Frankfurt damit eröffnete, daß er sich den Geschäften eines Anwalts unterzog, verhüllte die Mutter Manches mit dem Mantel der Liebe, was der Vater schwerlich so frei hätte hingehen lassen. In demselben Grade nämlich, wie der etwas mürrische Vater die Augen offen behielt, pflegte die Mutter sie gelegentlich zuzudrücken. Junge Autormanuscripte*) wurden in angebliche Acten, und manche kleine Einladung zu einem unschuldigen Gartenpickenick mit jungen lustigen Leuten seines Schlages, wenn der Vater darnach fragte, in irgend ein Handbillet von diesem oder jenem Clienten verwandelt.


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